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Die sechs Arten von Tilt

März 11, 2022
von Raise Your Edge

Anders, als du vielleicht gedacht hättest, kann einem Tilt in vielen verschiedenen Formen widerfahren. Viele Pokerspieler werden zwar heutzutage akzeptiert haben, dass Tilt real ist und eine negative Auswirkung auf das eigene Spiel haben kann, doch werden sich die meisten nicht darüber im Klaren sein, auf wie viele verschiedene Arten es sie beeinflussen kann.

Tilt kann einen schädlichen Effekt auf dein Pokerspiel haben, egal ob du nun am Gewinnen oder am Verlieren bist. Selbst so etwas Simples wie eine Ablenkung kann zu massivem Tilt führen, gefolgt von bedeutenden Verlusten am Pokertisch. Ausführliche Informationen für den Umgang mit Tilt an den Tischen findest du in diesem nützlichen Beitrag: Tilt Management Guide.

Im Folgenden gliedern wir die sechs Arten von Tilt auf, die du erleben kannst. Und wir geben dir Tipps dazu, wie du davon loskommen und dich neu sortieren kannst. Lass uns anfangen.

1. Opfer-Tilt

Opfer-Tilt ist eine besonders häufige Form von Tilt, für die praktisch alle von uns sehr anfällig sind. Wenn dir ein Bad Beat widerfährt oder die Karten nicht zu deinen Gunsten ausfallen, ist es sehr leicht, in eine Opfermentalität zu verfallen. Es gehen einem dann Gedanken durch den Kopf wie:

„Niemand hat so viel Pech wie ich. Ich bin der größte Pechvogel auf der Welt!“

Oder:

„Warum passiert das immer mir, es scheint nie gut für mich zu laufen!“

Tief im Inneren wirst du dir vielleicht darüber bewusst sein, dass diese Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen und dass jeder gleich viel Glück und Varianz beim Poker erfährt. Doch kann es extrem schwer sein, sich am Tisch von diesen negativen Gedanken zu befreien.

Der Grund, warum wir dazu tendieren, ist, dass wir keine Verantwortung für unsere Lage übernehmen wollen. Also schieben wir die Schuld auf die äußeren Umstände und Pech.

Im Wesentlichen sagen wir uns, dass unsere Ergebnisse beim Poker das Ergebnis unglücklicher Umstände sind: Wir haben Pech gehabt und es hat nichts mit unseren eigenen Skills oder denen unserer Gegenspieler zu tun. Natürlich spielt der Glücksfaktor eine Rolle bei einzelnen Händen, doch gilt das für jeden in gleichem Maße und ist außerhalb der eigenen Kontrolle, ganz egal, was wir tun.

Unsere Ergebnisse darauf zu schieben, dass wir „einfach Pech hatten“, bedeutet, das Schicksal dafür verantwortlich zu machen statt uns selbst. Wenn wir uns einfach nur einreden, dass wir Pech hatten, müssen wir uns nicht auf die Verbesserung unseres eigenen Pokerspiels konzentrieren und können stattdessen jammern und uns beklagen.

Deshalb müssen wir unseren Fokus auf die Aktionen richten, die in unserer Macht stehen und die sich positiv auf unsere Ergebnisse auswirken. Schau dir doch einmal die Videos bei Pokerstars Learn an und stecke abseits der Tische etwas Arbeit hinein. Dies wird dir helfen, dich mehr auf deine Entscheidungen statt auf die Ergebnisse zu konzentrieren.

2. Rache-Tilt

Du hast bestimmt schon einmal Rache-Tilt selbst miterleben können, selbst bei einigen der größten Namen der Pokerszene wie Phil Hellmuth! Diese Art von Tilt tritt dann auf, wenn ein bestimmter Gegner wieder und wieder die Oberhand gegen dich am Tisch gewinnt. Gewöhnliche Anzeichen von Rache-Tilt sind Sprüche wie:

„Ich kann gegen diesen Typen wohl nicht gewinnen!“

Oder:

„Warum hast du einfach immer die Nuts?“

Obwohl uns allen klar ist, dass wir durchaus gegen diesen Spieler gewinnen können und er wahrscheinlich gerade nur eine Portion Glück hat, finden wir wieder einen Weg, die Verantwortung von uns abzuwälzen und alles aufs Pech zu schieben.

Vielleicht hat er nur Glück, vielleicht spielt er aber auch einfach besser als du. Was auch immer – das Ergebnis ist dein Verlangen nach Revanche gegen diesen Spieler.

Wenn du dich auf deinen „Erzfeind“ am Tisch fixierst, dann wird das dein Urteilsvermögen beeinträchtigen – es wird dir schwerer fallen, die für dich optimalen Entscheidungen zu treffen und bei deiner Strategie zu bleiben. Spieler legen dann oft an Aggressivität zu, während sie versuchen, einen großen Pot gegen ihren Kontrahenten zu gewinnen. Dies wiederum kann zu hohen Verlusten und somit zu noch mehr Frustration führen.

Emotionale Entscheidungen sind beim Poker praktisch nie die richtigen Entscheidungen. Wenn du also Rache-Tilt gegenüber einem bestimmten Spieler verspürst, mag es das Beste sein, den Tisch zu wechseln oder zumindest eine kurze Pause einzulegen, um einen klaren Kopf zu bekommen und deine Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

3. Dissoziations-Tilt

Hattest du jemals das Gefühl, als hättest du deine Konzentration oder Motivation verloren, um die richtigen Entscheidungen am Tisch zu treffen? Es lässt dich kalt, wenn du nun verlierst, und es ist dir egal, wenn du gewinnst. Du fühlst einfach überhaupt nichts.

Dies ist ein extrem gefährlicher Gemütszustand, um Poker zu spielen.

Es ist gut, sich darauf zu konzentrieren, die optimalen Entscheidungen zu treffen und eine emotionale Distanz zu den kurzfristigen Ergebnissen zu wahren. Doch wenn du emotional überhaupt nicht bei der Sache bist – dem Gewinnen oder Verlieren – führt das letztendlich dazu, dass du einfach nur irgendwelche Knöpfe drückst bzw. Spielzüge durchführst, ohne dir viele Gedanken darüber zu machen.

Vielleicht findest du dich auch in einer extremen Form von Autopilot-Modus wieder, bei dem du willkürlich und ohne nachzudenken All-in gehst oder du callst, einfach nur, um zu sehen, was dein Gegenspieler hat.

Spieler in einem tiefen Zustand von Dissoziation kümmern sich nicht darum, ob sie richtig liegen oder nicht und ob sie einen guten oder einen schlechten Spielzug machen. Sie sind praktisch völlig losgelöst von der Realität.

Wenn du in einem solchen Gefühlszustand bist, mach unbedingt sofort eine Pause vom Pokerspiel, bis dieses Gefühl wieder verschwindet.

Tust du dies nicht, wird dir wahrscheinlich die Lust am Poker vergangen und deine Bankroll geschrumpft sein, nachdem du aus deinem losgelösten Zustand wieder zu dir gekommen bist.

Mach eine Pause.

4. Fehler-Tilt

Auf die Frage, was die größte Ursache für Tilt ist, antworten viele Spieler, dass die Suck Outs oder Bad Beats ihnen nichts ausmachen.

Was sie am meisten herunterzieht, ist, wenn sie einen Fehler machen.

Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir keine Fehler machen dürfen oder dass wir besser sind als irgendjemand sonst und uns deshalb niemals simple Fehler unterlaufen sollten. Aber Fakt ist, wir sind nur Menschen und als solche immer bis zu einem gewissen Grad fehleranfällig.

Es ist sehr wichtig, sich realistische Ziele zu setzen, denn ein Fehler kann dich in einen Kreislauf von Tilt versetzen, wenn du nicht aufpasst. Je mehr wir abseits der Tische Theorie lernen, desto weniger Fehler werden wir machen. Doch selbst die besten Spieler der Welt werden hin und wieder etwas vermasseln.

Zu lange auf deinen Fehlern herumzureiten wird dir nicht helfen, zukünftige Fehler zu vermeiden. Das Gegenteil könnte der Fall sein. Wenn du dich unaufhörlich über dich selbst ärgerst, weil du einen Fehler gemacht hast, erhöht dies tatsächlich die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Fehlers enorm.

Wenn dir ein Fehler, der vor mehreren Händen passiert ist, immer noch im Kopf rumschwirrt, ist es vielleicht eine gute Idee, eine kurze Pause zu machen und dir die Möglichkeit zu geben, das Geschehnis noch einmal abseits vom Pokertisch Revue passieren zu lassen. Die Hand noch einmal komplett zu analysieren, kann eine gute Methode sein, um zu verstehen, was passiert ist und was du in einer ähnlichen Situation in Zukunft möglicherweise besser machen kannst.

Nachdem du dir die Zeit genommen hast, über deinen Fehler hinwegzukommen, kannst du anschließend mit mehr Selbstvertrauen und konzentrierter an den Tisch zurückkehren, statt dich deshalb herumzuärgern und dein Selbstvertrauen herunterzuziehen.

5. Gewinner-Tilt

Dies mag eine Überraschung sein, aber Tilt taucht nicht nur auf, wenn man verliert. Tatsächlich kann Gewinner-Tilt genauso schädlich, wenn nicht noch schlimmer sein als andere Formen von Tilt, denn es ist viel schwerer, wieder davon loszukommen.

Wir haben alle schon einmal die Story gehört, wie ein Spieler Glück hatte und ein großes Turnier und eine Menge Cash gewann, nur um es in den darauffolgenden Monaten wieder zu verspielen und am Ende unterm Strich einen Verlust zu machen.

Wenn alles gut läuft und du einen fantastischen Lauf hast, passiert es sehr leicht, dass du deinen eigenen Fähigkeiten übermäßig vertraust. Schließlich scheinst du doch ständig zu gewinnen.

Wenn wir nicht vorsichtig sind und unsere Emotionen während des Gewinnens unter Kontrolle bringen, kann es oft passieren, dass wir uns von unserem Erfolgserlebnis mitreißen lassen.

Spieler, die Gewinner-Tilt erfahren, werden gewöhnlich zu aggressiv agieren, mit Einsätzen spielen, die für ihre Bankroll zu hoch sind, und Spiele auswählen, in denen sie langfristig wahrscheinlich nicht unter den Gewinnern sind.

Das ist alles schön und gut, solange das Glück auf deiner Seite ist. Doch wenn die Varianz erst einmal zuschlägt und die guten Karten unweigerlich aufhören, wird sich „das Blatt wenden“. Dein Fokus muss darauf liegen, deiner Bankroll-Strategie zu folgen, die korrekten Spielzüge am Tisch zu machen und die richtigen Anpassungen vorzunehmen, die auf den verfügbaren Informationen basieren.

Genauso, wie du Downswings keine allzu hohe Bedeutung beimessen solltest, musst du dich auch davor hüten, dass du dich nicht zu sehr in Erfolgserlebnisse hineinsteigerst. Solche Schwankungen, bekannt als Swings, sind ein wesentlicher Bestandteil des Spiels. Also halte dich kontinuierlich an deine Routine und deinen Trainingsplan und sorge dafür, dass deine Entscheidungen nicht zu sehr von den Ergebnissen deiner vorherigen Sessions – Gewinn oder Verlust – beeinflusst werden.

6. Ablenkungs-Tilt

Dies ist die am meisten unterschätzte, doch vielleicht die kostspieligste Art von Tilt. Auch Elite-Pokerspieler können stark darunter leiden, selbst dann, wenn sie alle anderen Formen von Tilt überwunden haben.

Ablenkungs-Tilt bezeichnet den immerwährenden Lockruf von Social Media, Videospielen, Filmen, mehreren offenen Browser-Tabs und anderen „Lastern“, die uns von unserer aktuellen Aufgabe ablenken. Einige Menschen haben noch subtilere Symptome dieser Form von Tilt, wie Tagträumen oder das Umschalten in eine Art Autopilot-Modus.

Wenn du während des Spielens nicht deinen ganzen Fokus auf Poker legst, wird dich das schlicht und einfach Geld kosten. Schusselig oder unkonzentriert am Tisch zu sitzen, kann leicht zu suboptimalen Entscheidungen führen.

Ablenkung ist sehr gefährlich für dein Pokerspiel. Es versetzt dich in einen Autopilot-Modus bzw. einen Zustand der Geistesabwesenheit am Tisch, was die Chance auf Fehler erhöht. Diese Fehler wiederum führen zu Fehler-Tilt (die Nummer 4), und so beginnt der teuflische Kreislauf von Tilt.

Lass dein Smartphone in einem anderen Zimmer, schließe alle Browser-Tabs, schalte den Fernseher aus und konzentriere dich aufs Spielen. Allein dieser Schritt kann schon eine große Hilfe dabei sein, deine Gewinnrate (Winrate) zu verbessern.

 

Coach Bahman:

Bahman Zarghami ist ein Coach für Mindset und Performance. Seit über sieben Jahren unterstützt er Pokerspieler und andere leistungsorientierte Menschen dabei, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Er ist der Head Mindset Coach für Raise Your Edge und der Lead Mindset Instructor bei Pokerstars Learn.

Wenn du mehr über Bahman und einige der nachteiligen Effekte erfahren willst, mit denen die meisten Pokerspieler zu kämpfen haben (und darüber, wie diese überwunden werden können), so findest du hier ein ausführliches Interview mit ihm. Darin geht er auf einige der größten Schwierigkeiten ein, mit denen du es am Pokertisch wahrscheinlich zu tun bekommst.

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