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Wann man mit schwachen Blättern das Eröffnungsraise setzen sollte

Juni 7, 2022
von Raise Your Edge

Wenn man mit einem Blatt, das dafür eigentlich zu schwach ist, das Eröffnungsraise setzt, ist das ein unvergleichliches Gefühl: so als hätte man echt Glück gehabt (und vielleicht ein bisschen schuldig). Dabei gibt es Gelegenheiten, in denen es genau die richtige Entscheidung ist, schwächere Blätter zu spielen. Hier wollen wir uns ein paar Fälle anschauen, in denen es sinnvoll ist, mit vielen schwächeren Blättern das Eröffnungsraise zu setzen – manchmal mit bis zu 100% deiner Range.

Optimale Spieltheorie (GTO) vs. Schwächen ausnutzen

Kommen wir zuerst auf die Grundlagen des optimalen Spiels laut Spieltheorie (oder Game Theory Optimal – GTO) zu sprechen. Mithilfe von GTO beurteilen wir, ob unser Spiel nicht ausnutzbar ist, selbst wenn die Gegner perfekt spielen.  Du denkst dir vielleicht, „na dann sollten wir immer laut GTO spielen, oder?“. So einfach ist es aber nicht.

Insbesondere auf niedrigen bis mittleren Stakes spielen unsere Gegner nämlich meistens alles andere als perfekt. Es ergibt also wenig Sinn, sich hier nur auf eine Solver-Strategie zu versteifen. Stattdessen müssen wir uns anpassen, um die Schwächen unserer Gegner auszunutzen und so viel Geld wie möglich zu gewinnen.

Die richtige Einsatzhöhe wählen

Schauen wir uns zuerst die Einsatzhöhen für Eröffnungsraises vor dem Flop an. Laut GTO sollten wir sehr niedrige Einsätze wählen, wenn wir aus früher bis mittlerer Position eröffnen.

Der Solver erwartet, dass die Gegner (die ja alle „perfekt spielen“) wenig Einsätze callen und stattdessen aggressiv 3-Bets setzen. Deshalb empfiehlt der Solver niedrige Raises in früher bis mittlerer Position, um sich bei Re-Raises besser zu verteidigen und außer Position kleine Pots zu spielen. Dementsprechend würden Solver in späterer Position wie Cutoff/Button höher raisen, etwa das 2,5- bis 3-Fache des Big Blinds. In der Praxis sollten wir genau das Gegenteil machen.

Insbesondere in Spielen auf niedrigen bis mittleren Stakes setzen Spieler viel zu selten eine 3-Bet und callen mit jeder Menge Blättern, um „den Flop zu sehen“. Auf früher bis mittlerer Position sollten wir also mit einer engeren Range höher raisen, als laut GTO empfehlenswert wäre. So bauen wir einen Pot auf, um später unseren Range-Vorteil bei günstigen Flops auszunutzen.

So „bestrafst“ du deine Gegner dafür, mit ihren miesen Blättern zu callen! Auf später Position sollten wir niedriger raisen, also das 2- bis 2,5-Fache des Big Blinds. Warum?

Darum geht es im Anschluss – das ist nämlich so eine Situation, in der du mit vielen Blättern raisen solltest, die eigentlich nicht danach aussehen.

Wann man mit schwachen Blättern das Eröffnungsraise setzen sollte

Auf später Position empfehlen sich niedrigere Raises, denn hier sollten wir es in vielen Fällen drauf anlegen, die Blinds zu stehlen. Bei niedrigen bis mittleren Stakes denken die Spieler meistens nicht über die Einsatzhöhen nach, die sie callen müssten, um ihre Blinds zu verteidigen: Sie callen oder folden einfach je nachdem, für wie stark sie ihr Blatt halten.

Laut GTO sollte man auf dem Big Blind eine deutlich größere Range von Blättern gegen eine 2-fache Einsatzhöhe verteidigen als gegen eine 3-fache, aber die meisten Leute beachten diesen Unterschied nicht. Das heißt, du profitierst oft automatisch, wenn du auf dem Button oder Small Blind mehr Blätter raist, als GTO empfiehlt.

Ein Beispiel: Laut GTO solltest du 41% deiner Blätter auf dem Button raisen und rund 50% deiner Blätter auf dem Big Blind verteidigen. Wenn du den Eindruck hast, dass der Big Blind nur die besten 30% seiner Blätter verteidigt, hast du leichtes Spiel, wenn du mit deiner gesamten Range raist. Da die meisten Gegner bei niedrigen bis mittleren Stakes im Big Blind selten eine 3-Bet setzen, sofern sie nicht gerade ein Monsterblatt haben, wirst du es selten bereuen.

Eine weitere Situation, in der du mit mehr Blättern raisen kannst, als GTO empfiehlt, ist in früher Position, wenn der Button und Big Blind beide schwächere, passive Spieler sind. Das ist eine Supergelegenheit, deine Range zu erweitern und Blätter zu spielen, die du sonst nur folden würdest, weil du wenig Aggression (in Form von 3-Bets) erwarten kannst. Die Gegner folden viel und wenn sie doch mal callen, spielst du nach dem Flop gegen einen schwächeren Gegner.

Wenn du den Artikel hilfreich fandest und mehr darüber erfahren willst, wie du gegnerische Schwächen ausnutzt (und dabei von GTO-Prinzipien abweichst), schau dir diesen Artikel an: 3 weitere Möglichkeiten, um niedrige bis mittlere Stakes auszunutzen!

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